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Column

Madhavi & das Leben // Die perfekte Lektion

5. Mai 2017
Die perfekte Lektion

Ich düse gerade zurück nach Berlin. Die fünf Tage mit Mooji in Lissabon waren gefüllt mit tosendem Gelächter, tiefer Erkenntnis und kleinen Herausforderungen. Jedes Satsang Intensive ist anders. Weil ich mich natürlich auch verändere. Als ich das letzte Mal bei Mooji war, war jeder Satsang  für mich ein kleiner Kampf. Stundenlanges Rumsitzen und immer die gleichen Fragen. Nun konnte ich es so richtig genießen. Ich verweilte alle Satsangs vor ihm auf dem Fußboden (mit hundert weiteren Teilnehmern), um völlig in die Energie eintauchen zu können. Früher habe ich mich immer in die letzte Reihe verkrochen.

Wenn so viele Menschen dicht nebeneinander auf dem Boden hocken, kann das ganz kuschelig und durchaus amüsant sein. Wenn die Energie stimmt. Manche rammen einen ihr Knie in den Oberschenkel, andere versuchen, ihren wuchtigen Rucksack noch neben sich auf dem winzigen Fleck, der noch zum Atmen bleibt, zu verstauen. Dabei lächeln sie freundlich und man denkt: „Kein Problem“. Es kommt allerdings auch vor, dass einem die Knöpfe dermaßen gedrückt werden. Ohne wäre es ja auch gähnend langweilig.

Rotz, baby

So passierte es mir vor zwei Tagen, kurz bevor der Satsang begann. Ich saß selig vertieft in meinem Sein, als sich eine Dame neben mich drängte und währenddessen ihre Tasche gegen meinen Schädel donnerte. Sie entschuldigte sich. Ich blinzelte sie an und schloß meine Augen wieder. Sie war  zappelig wie ein Duracell Häschen und kam überhaupt nicht zur Ruhe. Das hätte mich nicht weiter gestört, wenn sie nicht auch noch angefangen hätte, im 10-Sekunden-Takt ihren saftigen Schnodder hochzuziehen. Ich habe tatsächlich die Abstände gezählt. Vorbei war es mit meiner inneren Ruhe, so vertieft kann ich ja nicht gewesen sein.

Es war kein zartes Hochziehen, oh nein. Eher so, als hätte sich Benjamin Blümchen neben mir breit gemacht. Nach dem 20. Mal, jeder rollte schon mit den Augen, gab ich ihr zaghaft ein Taschentuch für ihren Rotz. Sie bedankte sich herzlich und ich dachte, siehst du Madhavi, man muss einfach nur ein Zeichen setzen.

Pustekuchen. Sie nahm das Taschentuch und hielt es einfach in der Hand. Sie hatte meinen kleinen Wink  nicht verstanden. Im Gegenteil. Es wurde sogar noch stärker. Sie meinte es nicht böse, sie schien sympathisch, nur ein wenig verpeilt. Mittlerweile waren auch die Leute um mich herum verstört. Ich bin super empfindlich, wenn jemand seinen Nasenschleim nicht unter Kontrolle hat.

Es gibt immer eine Wahl

Ich versuchte Haltung zu bewahren. Das Taschentuch lag weiterhin völlig unbenutzt in ihrer Hand. Sie machte auch keine Anstalten, es zu gebrauchen. Ich war fassungslos. Es gab zwei Möglichkeiten. In die Energie der Wut hineinzugehen oder einfach meine Gefühle ziehen zu lassen. Meine Gedanken nicht zu beachten. Dem ganzen keine Macht zu verleihen. Ich hatte das Gefühl, die Abstände wurden immer kürzer, der Schnodder reichhaltiger und das Hochziehen immer lauter. Dabei schien es sie kein Stück zu stören.

Ich entschied mich am Ende fürs Ignorieren. Gegen das Hineinsteigern. Die beste Entscheidung. Und wisst ihr was? Kaum hatte ich mich damit abgefunden, meinen Ekel halbwegs überwunden, hörte sie damit auf. Innerlich musste ich laut lachen.

Lektion gelernt

Einen Tag später sprach mich eine Frau an, die währenddessen hinter mir gesessen hatte. Sie meinte, es war für alle eine große Übung, nicht zu ihr zu gehen und sie darum zu bitten, aufzuhören. Dann dachten wir beide daran, dass es vielleicht etwas Kulturelles ist. So wie lautes Rülpsen nach dem Essen in manchen Ländern zum guten Ton gehört.

Ich erinnere mich daran, wie einmal ein japanischer Geschäftsmann neben mir am Flughafen seine irre langen Fingernägel mit einem Nagelknipser gestutzt hat. Ich musste mich fast übergeben. Für ihn schien es völlig normal.

Für mich war es eine perfekte Lektion. Es ist immer eine Entscheidung, ob man sich dem Ärgernis hingibt, oder ob man die Gedanken nicht füttert. Im Leben passieren immer wieder solche kleinen Prüfungen. Ich bin bereit, mich ihnen zu stellen.

#thetruthisnotjudging

Madhavi

Madhavi Guemoes

Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga – was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.


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