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Lifestyle

Madhavi & das Leben // Neulich in der Yogastunde

9. November 2016
Madhavi Guemoes

Es ist 6.30 Uhr und stockfinster. Ich bin munter wie ein junger Fisch im weiten Meer, denn für mich ist es eigentlich schon mitten am Tag. Ich bin in New York City. Bereit, mich wild auf der Yogamatte auszutoben. Frei wie der Wind kann ich mir den Tag heute einteilen, zum Yoga gehen, wie es mir passt. Bis ich tot umfalle. Was für ein Luxus.

Als ich im Yogastudio ankomme, bin ich die erste Schülerin. Es riecht nach Räucherstäbchen und aus den Boxen dudelt Hare-Krishna Musik. Ich komme mir ein bisschen vor wie eine Streberin, so früh bei der Stange, kann ich doch meine kostbare Zeit nicht im Bett verschwenden. Ich bin schließlich in New York.

Ich nehme mir eine der frisch gewaschenen Yogamatten aus der Box, ein Service, den ich bombastisch finde, und begebe mich in den Krishna-Raum. Die Yogalehrerin ist bereits dort.

Ich spüre, dass ich die Yogalehrerin alles andere als sympathisch finde. Das kommt bei mir recht selten vor. Sie ist eine dieser überambitionierten Yogalehrerinnen, die sich unheimlich wichtig nehmen, viel zu viel quatschen. Ich kann überhaupt nicht auf Yogalehrer, die einen vollnölen.

Ich sitze auf der Matte und versuche mein Herz zu öffnen. Los, öffne dich. Es will nicht. Ich werde wütend, weil ich unfähig, ja, nahezu machtlos gegen meine Gefühle bin. Was ist denn mit dir los, Madhavi, frage ich mich. Ich mache komplett dicht.

Da ich über gewisse Werkzeuge verfüge, versuche ich, diese einzusetzen. Mache brav, was sie von mir verlangt. Rolle nicht mürrisch meine Matte ein und verlasse auch nicht wie eine eingeschnappte Irre den Raum. Darüber bin ich sehr froh.

Mittlerweile sind wir vier Schüler. Sehr wenig für New York, denke ich. Die Yogalehrerin fängt mit wirren Kundalini Yoga Übungen an, ich könnte heulen. Das stand doch nicht auf dem Plan. Ich will nicht denken müssen, nichts Neues lernen, nicht jetzt, nicht heute, sondern stupide das machen, was mir versprochen wurde: Jivamukti Yoga.

Empörung und Defensive

Alle zwei Minuten kommt sie zu auf mich zu und wurstelt an mir herum. Auch das noch. Keine Stellung scheine ich in ihren Augen richtig zu machen. Ich bin frustriert. Atme ein. Atme aus.

Erinnere mich, dass alles, was uns im Leben widerfährt eine Prüfung ist. Das klingt jetzt furchtbar abgedroschen, ich weiß, hilft mir aber enorm, wenn der Widerstand sich lästig in mir ausbreitet.

Die Lehrerin quatscht und quatscht und quatscht. Schraubt an mir rum, als wäre ich ihr neues Spielzeug.

Stramme Erkenntnis

Plötzlich geht mir ein Licht auf. Solange ich Widerstand leiste, macht sie fröhlich weiter. Alles liegt nur an mir.

Also entspanne ich mich. Gebe mich ihr hin, was mir schwerfällt. Ich versuche sogar, ein wenig zu lächeln. Gut, es ist eher ein leichtes Zucken. Bravo, Madhavi. Ich spüre, wie ich innerlich weicher werde. Lasse die Abneigung los, finde sie plötzlich nicht mehr ganz so blöd. Sie lächelt zurück und ich verstehe.

Yoga bedeutet immer wieder Reibung. Egal, wie lange man praktiziert, man kommt hin und wieder mal an seine Grenzen. Die Yogamatte ist ein prächtiges Schlachtfeld. Ab und zu ist es verdammt klug, sich zu ergeben!

Es ist meine Entscheidung, wie ich die Person, die mir gegenübersteht, sehen möchte. Mit Abneigung oder im Licht.

Ich entscheide mich für’s Licht!

#staytrue

Madhavi

© Maria Schiffer

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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