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Column

Madhavi & das Leben: Spatzenhirne

27. February 2015
Madhavi Guemoes

Letztes Wochenende war ich mit meiner Tochter in Hamburg. Es goss in Strömen, das ist ja nichts Neues. Nachdem ich sie bei ihrer Freundin abgeliefert hatte, trudelte ich bei meiner Freundin Suse ein, nein, nicht die von letzter Woche, ich habe in jeder Stadt eine.

Es roch schon im Hausflur nach Räucherstäbchen. Als ich ihre Wohnung betrat, war ganz schnell klar: Das wird ein seliger Kurzurlaub. Es gab höchst aufwendig zubereiteten grünen Tee, der so köstlich schmeckte, dass ich sofort angefixt war, mir demnächst auch solch eine Mühe zu geben.

Wir führten ellenlange Gespräche über Meditation und das Leben. Man muss sich ja immer wieder auf den neuesten Stand bringen. Im Übrigen habe ich das Gefühl, dass gerade Gott und die Welt auf Kundalini Yoga steht und auf Schafsfellen rumkullert, dazu sage ich nur Sat Nam.

Auf der Rückfahrt im überfüllten ICE Großraumabteil saß uns ein junger Japaner gegenüber, der lächelnd in seinem Zen-Büchlein las.

Neben uns nahm ein Pärchen mit einem verzogenen Gör, etwa sieben Jahre alt, Platz, zogen sich schnurstracks die Schuhe aus und legten ihre muffigen Füße, igitt, auf die gegenüberliegenden Sitze. Die Eltern wirkten ein bisschen beschwerlich, das Kind schier unerträglich: es spielte ein Ballerspiel auf dem iPad. Mit Ton. Sehr laut.

Ich schaute nach drüben und war verstört. Ich versuchte die Ruhe zu bewahren und stopfte mir schnell meine Kopfhörer in die Ohren. Es half nicht. Er ballerte rum, klatschte in die Hände, und die Mutter strickte neben ihm seelenruhig ihre Biene Maja.

Als wäre das nicht schon nervtötend genug, holte der Vater eine McDonalds Familien-Packung aus seinem Rucksack und verteilte Burger, Pommes frites und Chicken McNuggets. Der ganze Wagon stank nach Schweiß und totem Tier, und ich war kurz davor, ihnen zu zeigen, wie Chicken McNuggets hergestellt werden, in der Hoffnung, dass sie sie wieder auskotzen.

Aber es kam noch besser. Als das Kind aufgegessen hatte, nahm es sich wieder das iPad, führte jedoch artig die Kopfhörer in seine Lauscher, und stimmte sich leicht flötend auf Helene Fischer ein. Ich schrie innerlich nach Rettung, aber da war es schon zu spät.

Er brüllte tatsächlich 40 Minuten lang den Song „Atemlos“ in Dauerschleife mit. Die Eltern kugelten sich vor Lachen und filmten ihren Sprössling stolz als gäbe es keinen Morgen. Erziehung? Pustekuchen. Jeder im Abteil war fertig mit den Nerven. Keiner gab einen Mucks von sich. Ich atmete sehr oft sehr tief durch, hoffte erhört zu werden, vergeblich.

Fassungslos! Wie rücksichtslos Menschen sein können. Ich war aber unheimlich stolz darauf, dass ich so hübsch die Ruhe bewahrt und sie nicht an ihren Haaren aus dem fahrenden Zug geschmissen habe. Das habe ich sicherlich dem grünen Tee zu verdanken. Da bin ich mir ganz sicher! Sat Nam!

P.S Für alle Kundalini-Yoga-Schwärmer: hier noch flotter Hit fürs Wochenende.

Foto: Maria Schiffer

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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