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Mind

Let’s talk about // Schluss mit schlechtem Gewissen!

22. März 2017
Dieser Beitrag ist auch verfügbar in: Englisch
Agnistambasana

Wir alle haben verschiedene Phasen im Leben. Manche wollen unbedingt die Welt retten, oder streben bienenhaft nach Erfolg oder Erleuchtung. Andere sitzen mit heulenden Gören an der Brust vor der Glotze und beten, dass das alte Leben flugs zurückkehrt.

Dann gibt es die, die über ihre spirituelle Morgenpraxis schreiben – und alle fangen an zu, äh, würgen. Das tat ich nämlich vor ein paar Monaten, also, darüber zu schreiben. Kommentare plätscherten auf meinen Blog (ihr braucht nicht danach zu suchen, es gibt keine mehr), und es gab teilweise harte Schelte.

Im Nachhinein denke ich mir, ist ja auch klar. Vor sechs Jahren (als meine Kinder noch Winzlinge waren) hätte ich vielleicht auch die Augen kräftig verdreht, wenn mir jemand erzählt hätte, dass er streberhaft jeden verfluchten Tag um fünf Uhr aufsteht und meditiert. Bäh.

Bevor ich Kinder hatte, sie sind jetzt neun und elf, war ich ein strebsamer und biegsamer Yogi. Es gab keinen Tag ohne Meditation oder irgendwelchen anderen spirituellen Gedöns. Mein Leben drehte sich nur um mich, meine spirituelle Praxis – und wie ich Geld für Indien zusammenschustern konnte.

Ich hätte mir im Leben nicht vorstellen können, den Tag nicht mit der Dynamischen Meditation zu starten. Geschweige denn im Winter nicht nach Indien zu düsen. Heute habe ich ausgerechnet, dass ich unglaubliche 12 Jahre nicht mehr dort war. Wahnsinn.

Plötzlich war alles anders

Als meine Kinder auf die Welt kamen, gab es nicht nur ein paar Monate keinen Schlaf, nein, es zog sich ganze fünf Jahre hin. Fünf Jahre! Eine Zeit, in der meine Augenränder bis zu den Knien hingen. Dazu kamen etliche Krankheiten. Meine Kinder schienen alles magisch anzuziehen. Es war kein Spaziergang.

Nach den Geburten fing ich flink an, wieder Asanas zu praktizieren. Was schwierig war, denn der liebste Platz meiner Kinder war direkt vor meiner Brust im Tragetuch, ansonsten war das Gezeter groß.

Meditation, haha, kleiner Schenkelklopfer, war undenkbar. Es ging für mich eher ums nackte Überleben. Ich war froh, wenn ich eine Mütze Schlaf bekam. Manchmal bat ich Leuten Geld, damit sie mit meinen Kindern eine Runde um den Block gingen, damit ich wieder zu Kräften kam.

Es war einfach nicht die Zeit für Meditation, auch, wenn ich es wirklich gebraucht hätte. Ich wedelte zwar kräftig mit den Räucherstäbchen herum, versuchte Babyyoga mit meinen armen Würmern, sang ihnen Kirtans, und schenkte meinem Altar farbenfrohe Blümchen. Das war es dann aber auch schon. Für ein paar Jahre konnte ich einfach nicht meditieren. Ich freundete mich einfach damit an.

Durch meine Kinder habe ich erst wirklich gelernt, was Spiritualität bedeutet. Nämlich, dass das verdammte Leben sich nicht nur um einen selbst dreht, und man nicht immer alles unter Kontrolle haben kann. Außerdem ist mir klar geworden, dass es absolut keinen Sinn macht, ständig ein schlechtes Gewissen zu haben.

Die spirituelle Praxis braucht ein wenig Willenskraft, klar. Und sie tut so gut. Doch wenn man ständig Nachtschichten schiebt, jemanden liebevoll pflegt, Winzlinge im Hause hat, oder was auch immer, kann es tatsächlich sein, dass man sich nicht so leicht OM tönend auf der Yogamatte wiederfindet. Und das ist völlig ok.

Es gibt verschiedene Menschen. Da sind die, die super diszipliniert sind und alles auf die Kette kriegen. Dann gibt es die, die das Leben kaum greifen können, die eine kräftige Portion Disziplin richtig gut vertragen. Ich gehöre zu der zweiten Sorte.

Wenn ich mir also kein strammes Gerüst in den Alltag baue, bekomme ich nichts gewuppt. So bin ich. Das ist meine Natur. Von Haus aus bin ich nicht diszipliniert, aber ich habe Bock drauf. Darüber kann ich schreiben. Was ihr jedoch daraus macht, müsst ihr für euch schauen. Wer eh schon super diszipliniert ist, der bürdet sich lieber nicht noch mehr auf.

Ich bin für weniger schlechtes Gewissen im Alltag. Wer es mal nicht zum Yoga schafft, der schafft es halt nicht. Wer morgens nicht aus dem Bett kommt, weil das Kind die ganze Nacht geplärrt hat, oder der Job so knallhart ist, der sollte viel milder mit sich sein. Spiritualität fängt dort an, wo wir mitfühlender mit uns werden. Alles hat seine Zeit.

Was ich euch hier erzähle ist ein Angebot. Vielleicht eine kleine Inspiration. Oder auch nicht. Es geht nicht darum, euch ein schlechtes Gewissen zu vermitteln. Gott bewahre! Manchmal ist es eine klügere Wahl, auch mal nichts zu tun.

Ihr macht das draus, was ihr für richtig haltet! Ohne Gewissenswurm! Spiritualität ist kein Wettbewerb. In Wahrheit gibt es nämlich nichts zu gewinnen. Die absolute Seligkeit haben wir eh schon längst in uns. Vielleicht ein wenig verstaubt. Doch ab und zu ist das auch völlig schnuppe!

#blissabsolute

Madhavi

© Anja Birkner

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