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Column

Madhavi & das Leben: Über bittere Schokolade

17. Dezember 2014
gandhi

Es ist eine verrückte Zeit. Ich liege seit Sonntag mit einer dicken Seitenstrangangina im Bett und sehe aus, als hätte ich zu viele Germknödel gegessen. Ich bekomme täglich die frischen Tageszeitungen von meinem Mann ins Zimmer geschmissen, Tür auf, Tür fix wieder zu – wer will sich schon bei einer Bazillenschleuder wie mir anstecken.

Ich bin sprachlos. Während sich manche die handlackierten Christbaumkugeln von Hermès anschaffen, werden Kinder abgeschlachtet, andere laufen anders Amok und ach ja, da gibt es noch Pegida, der absolute Scheiß. Ich schrieb neulich ja schon mal darüber, wie irre das alles ist.

In der aktuellen ZEIT steht auf dem Titel, dass kaum einer weiß, auf wessen Kosten Ferrero und andere Hersteller an ihre Zutaten kommen. Bittere Schokolade. Ah ja, das ist ja mal direkt etwas Neues. Gut, dass jemand darauf hinweist. Ich stelle mir die ernsthafte Frage: Bekommt die mutige Tugce jetzt ihre Brücke? Und wenn: Was hat sie jetzt noch davon?

In meiner Straße hocken drei Obdachlose, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, einer sieht ein bisschen aus wie Johnny Depp. Er hat immer ein großes Kreuz aus dunklem Holz um den Hals baumeln. Glaubt er an Gott? Gibt es Gott? Wenn ja, sollte man ihm mal kräftig die Ohren lang ziehen.

Er besitzt einen Hund, der Obdachlose, der, der immer so freundlich ist. Sie haben alle einen Hund. Er wirkt sehr klar, der Johnny, nicht der Hund. Wir grüßen uns und hin und wieder bekommt er Geld. Ich wollte ihn diese Woche ansprechen, wollte nach seiner Geschichte fragen, doch nun liege ich willensschwach im Bett. Ist er wirklich obdachlos, oder sitzt er „nur“ tagsüber auf der Straße? Wo bekommt er eine warme Dusche? Warmes Essen? Es wird doch so kalt draussen.

Weihnachten sollten es alle gut haben. Damit meine ich nicht die dekadenten Geschenke unter dem grünen Gestrüpp. Während das ganze Jahr vielleicht sehr trüb und anstrengend war, ist es Zeit zur Ruhe zu kommen, mit dem Gefühl, alles ist gut, auch wenn es vielleicht nicht der Fall ist. Ein kleines bisschen Illusion, ein Hauch von Hoffnung, hach, das muss doch erlaubt sein. Nächstenliebe. Dafür ist doch das Fest da, oder nicht?

Deshalb werde ich, wenn ich wieder wohlauf bin, Johnny mit dem Kreuz, und die anderen beiden Kollegen ansprechen, und schauen, wie wir ihnen zu Weihnachten etwas Gutes tun können. Sicher wird es keine Ferrero Schokolade geben. Hatschiiiiii.

 

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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