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Yogalehrerin Annette Söhnlein – Über Hipster, Gucci und Anusara Yoga.

15. Mai 2014

Annette Söhnlein ist eine der angesehnsten Anusara Yogalehrerinnen Deutschlands. Wenn sie nicht gerade einen TV-Spot dreht, vom Cover des Yoga Journals lächelt, verzaubert sie mit ihrem Charme den Yoga Unterricht. Sie ist Mutter zwei entzückender Kinder und wohnt und unterrichtet in Berlin. Ich traf sie zum Gespräch.

Du bist ein alter Hase im Yoga-Geschäft. Was hat sich in den Jahren verändert?

Ich bin Mitte der 90er Jahre zum Yoga gekommen und habe damals auch angefangen, für den Unterricht am Empfang eines Studios zu arbeiten. Mein Glück! Ich hatte dadurch von Beginn an Einblicke zu mir selbst und zum Yogabusiness. Ich denke, Yoga ist in die Breite und in die Tiefe gegangen. Das „Breiter werden“ bedeutet, es gibt Yoga für alle: Hipster, Lifestyle-Yogis („ich war schon immer so spirituell drauf“) treffen im Yoga auf tief hingebungsvolle Schüler, Yoga im Knast, Yoga in der Schule, Yoga im Krankenhaus. Yoga im Club. Es mixt sich Oberflächlichkeit mit Verständnis. Jeder kann so einen Zugang zum Yoga und ein Zuhause im Yoga finden.

Während Mitte der Neunziger noch niemand nach besonderen Yogaklamotten und Matten eingestuft wurde, können wir heute klar erkennen, wer sich über das hoffentlich vegane Kleidungsstück von dem orange bzw. weiß gekleideten Yogi unterscheidet. Yoga als Gucci der 2020er. Es gibt mehr Zeitschriften und Bücher. Es hat sich herumgesprochen, dass du als Yogalehrer wenig Geld verdienst und so sind viele von uns bemüht, ein bisschen Rockstar zu werden. Da fehlt es dann aber leider oft an der tieferen Auseinandersetzung mit der Tradition des Yoga. Der Retreat-Markt wird geradezu überschwemmt von Angeboten, Detox ist ein sicheres Schlagwort für vollere Klassen oder Workshops.

Manchmal nervt mich das, auch wenn es bedeutet, dass Yoga heute für jeden zugänglich gemacht wird. Selbst die oberflächlichste Berührung mit Yoga entzündet das Licht, das uns etwas von der tiefen Wirkung von Asanas und Meditation zeigt. Es gibt für alle, die mehr wissen wollen, einen einfacheren Zugang zur Philosophie. Bücher werden übersetzt. Das Traditionelle wird erhalten und weiterentwickelt. Selbst in kleinen Studios werden Pujas gefeiert und Kirtan Abende organisiert. Und ich vertraue darauf, dass das Unkommerzielle am Yoga dafür sorgt, dass auch der oberflächlichste Yogi irgendwann checkt, dass sein Verhalten off the mat wesentlicher ist, als die indische Gymnastik auf der Matte. Das bewegt dann die Breite in die Tiefe.

Was bedeutet Anusara Yoga für dich?

Mein Zuhause, meine Familie, mein Weg. Die Universellen Ausrichtungsprinzipien haben dafür gesorgt, dass ich Frieden mit meinem Körper geschlossen habe. In den tantrischen Lehren, vermittelt von Dr. Douglas Brooks, erfahre ich auf erfrischende und lustige Art tiefe Weisheiten, die mein gesamtes Leben zusammenhalten, in der Familie wie im Unterrichten. Anusara Yoga bedeutet für mich ganz viel Spaß am Leben.

Wie sieht deine Yoga-Praxis aus?

Ich habe da so eine zerstückelte Praxis, schön über den Tag verteilt: wenn die Kinder in der Schule sind, habe ich etwas Ruhe und Zeit für Pranayama und Meditation. Dann verstehe ich das Unterrichten und Vorbereiten auf das Unterrichten als Teil meiner Yogapraxis. Lesen und Schreiben. Austauschen mit anderen Yogalehrern. Nachmittags gibt es meist einen freien Slot für Asana-Praxis, je nach Bedürfnis. Und spät abends, wenn alle schlafen, liebe ich es, noch einmal auf die Matte zu gehen. Vata Typen wie ich finden dadurch einen ruhigeren Schlaf und schöne Träume. Dazu halte ich mich an John Friends Ratschlag: pro Woche fünf Tage hingebungsvolles Üben, einen Tag nur restoratives Yoga und einen Tag noch nicht einmal an Yoga denken!

Welcher Lehrer hat dich am meisten beeinflusst und warum?

Todd Tesen. Er war mein erster Anusara Yogalehrer. Ich habe damals nur Schulenglisch gesprochen und ihn absolut nicht verstanden, als er geholfen hat, Anusara Yoga in Berlin mit aufzubauen. Durch ihn habe ich nicht nur Vertrauen in einen Lehrer gelernt, sondern auch erlebt, was KULA bedeutet: Verbindung im Herzen. Er hat mir in meiner schwersten persönlichen Krise gezeigt, wie das Praktizieren von Asanas verbunden mit einem positiven Thema Mut und Zuversicht zurückbringt. Er hat mir gezeigt, was es bedeutet, den ganzen Menschen in seiner Schönheit zu sehen. Nebenbei kann man prima Wein mit ihm trinken.

Was magst du an Berlin?

Die Freiheit. Den Goerlzclub und das Paradis Sauvage.

Lieblingsband?

Puhhh, schwierig: ABBA. The Roots. Gorillaz. Es gibt einen Lieblingsmusiker, der wohnt –den Göttern sei Dank!- in meiner kleinen Straße und spielt auch mal am offenen Fenster Klavier: Max Richter

Beauty-Ritual?

Yoga und Kosmetik von Dr. Hauschka! Und dazu Musik von Hauschka hören. 🙂

Annette Söhnlein

 

Wen würdest du unheimlich gern treffen? (egal ob tod oder lebendig)

Dr. Gopala Aiyar Sundaramoorthy, „Appa“, den Begründer von Rajanaka Tantra. Ein traditioneller Brahmane und zugleich unglaublicher Revolutionär. Wenn man bei Dr. Douglas Brooks sitzt und er von seiner Zeit mit Appa erzählt, spürt durch Douglas´ Überlieferung die unglaubliche Wärme und Klarheit. Jeder seiner Sätze sind meine Inspirationsquelle.

Der beste Rat, den du je erhalten hast?

You become the company you keep – so keep great company! -Appa-

Danke, Annette♥

www.annettesoehnlein.com

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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