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Interview // Aylin Karadayi „Es gibt nicht nur eine Wahrheit!“

18. März 2018
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Heute möchte ich euch eine besondere Yogalehrerin aus Zürich vorstellen. Aylin Karadayi ist eine der vielfältigsten Menschen, die ich kenne. Alles, was sie tut, hat Hand und Fuß. Ich bin immer wieder von ihrem geistigen Überblick, den sie sich von allen Dingen im Nu verschaffen kann, beeindruckt.

Aylin kocht für ihr Leben gern und führte bis vor kurzem das angesagte Health Food Lädchen Ayla Real Food in Zürich. Ihre starke Beziehung zum Yoga brauchte mehrere Anläufe. Aus einer Bewegungsform, die für sie ein Ersatz zum Tanz sein sollte, wurde zusehends eine heilsame und ganzheitliche Praxis, die ihr auch während einer schweren Krankheit ein großer Anker war.

Den Körper stärken, den Geist zur Ruhe bringen und das Herz öffnen, das sind ihre Grundwerte im Yoga. Momentan schlägt ihr Herz besonders für Katonah Yoga, das ist eine Yogarichtung aus  New York, die auch in Europa immer mehr Anklang findet. Ich habe mit ihr über Yoga, ätherische Öle und natürlich Essen geplaudert.

Welchen Eindruck hinterließ deine erste Yogastunde bei dir?

Es gab mehrere. Ich war einerseits irritiert durch den lauten Ujjayi Atem, (natürlich wusste ich damals nicht was das ist, ich dachte bloß, die atmen einfach viel zu laut) andererseits beeindruckte mich die Stimmung, die etwas sehr Mystisches an sich hatte.

Bedauerlicherweise besuchte ich diese Klasse in einem angeschlagenen Zustand und war deswegen vollkommen überfordert mit allen Asanas. Ich sah Lotus und Kopfstand, hörte lauten Atem und konnte selbst kaum Luft bekommen.

Der Lehrer sagte immer wieder „nicht du führst die Asana aus, sondern die Asana dich“, auch diese Aussage  überforderte mich grenzenlos.

Danach ging ich überwältigt nach Hause und betrat vier Jahre lang kein Yogastudio mehr, stattdessen übte ich Online Yoga, da ich von Scham erfasst glaubte, dass ich mich einem Lehrer erst zumuten kann, wenn ich Yoga verstanden habe.

Was hat dich Yoga auf deinem Weg gelehrt?

Das Yoga kam dann zu mir zurück und mein Körper und vor allem mein Kopf waren bereit und frei dafür. Allmählich, eigentlich sehr bald, berührte mich das Yoga emotional sehr, da es mich von meinen kreisenden Gedanken befreite.

Die Mantras, der Atem und die mystische Seite des Praktizierens taten mir insbesondere in einer sehr schwierigen Zeit extrem gut. Ich fühlte mich aufgehoben und konnte durch das Praktizieren Vertrauen schöpfen, dass wir ganzheitliche Wesen sind.

Durch das Praktizieren, Lesen, Studieren habe ich vor allem gelernt, dass Gegensätze nebeneinander und ineinander koexistieren können. Dass es nicht nur eine Wahrheit gibt sondern viele. Ich verstehe heute die Seite meines Gegenübers viel klarer und sehe Dinge aus verschiedenen Warten. Ich lerne mich mit mir selbst ehrlich auseinanderzusetzen auch da, wo es unangenehm ist.

Yoga lehrt mich, zu wachsen und mich den Veränderungen hinzugeben, mich loszulassen und NEIN zu sagen, aber auch anzunehmen und JA zu sagen. Yoga hilft mir, Bescheidenheit zu pflegen, vor allem in Situationen, in denen ich mich unbeholfen fühle und etwas nicht gradlinig verläuft.

Es unterstützt mich, weicher zu sein, liebevoller, stärker und klarer. Ich lerne Schmerz zu akzeptieren, meine Fehler zu sehen und ans Potential zu glauben. Ich lerne Neues und verwerfe Altes.

Du praktizierst Katonah Yoga. Was fasziniert dich daran?

Ich baue langsam immer mehr Katonah Yoga in meine Yoga Praxis ein. Ich bin gerade in einer Veränderungsphase und mag mich gut erinnern, wie meine Freundin, die schon seit längerem Kantonah Yoga praktiziert, meinte, es hätte ihre gesamte Yoga Praxis revolutioniert.

Meine Lehrerin Abbie Galvin vergleicht den Körper mit einem Haus. Dieses ist in meinem Falle gerade “under construction”, bevor es neu und umgebaut ist. Katonah Yoga verwendet extrem viele Metaphern und bedient sich der Numerologie, des Dao, der Mythologie, der Geometrie, der Kunst des Origami Foldings und einer unglaublich schönen Sprache. Dies ist alles der Gründerin Nevine Michaan zu verdanken.

Mich fasziniert die Dimensionalität und die eigene Intelligenz, die Katonah Yoga bietet. Das Augenmerk wird vor allem aufs Potenzial jeder einzelnen Person gelegt und verknüpft somit immer das Neurologische, Psychologische und Physische. Für mich hat es zugleich ewas Magisches wie auch Handfestes. Ich bin Fan und widme mich deshalb dieses Jahr ganz dem Katonah Yoga Training, das ich zusammen mit der Yogalehrerin Reni Bickel in Europa organisiere.

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Was bedeutet für dich Disziplin?

Ich war schon immer sehr diszipliniert. Meine Mutter erinnert sich, wie ich nach der Schule, ehe man mich dazu aufforderte, bereits meine Hausaufgaben erledigte.

Ballettübungen, die ich nicht beherrschte, übte ich, bis ich sie konnte. An der Uni war ich jeweils eine Woche vor den Prüfungen mit dem Lernen durch und entschied mich immer für die gute Vorbereitung.

Heute ist es nicht anders. Ich arbeite sehr viel, diszipliniert, eigenständig und gerne. Disziplin ist Arbeit aber sie ist auch eine Freiheit, nämlich dann, wenn ich mir keine Sorgen machen muss, dass etwas nicht erledigt wurde, ich zu spät dran bin oder im Leeren tappe.

Dies klingt nun alles sehr „nerdig“ und eisern, aber ich habe Disziplin nie als Zwang erlebt, es ist eine innere Haltung und ich bin froh um diese Tugend, sofern man dies als Tugend abtun darf.

Was ich aber auch lerne, ist, dass meine Stärke meine Schwäche wird, insofern hat die Disziplin auch ihre Kehrseite. Ich für meinen Teil musss lernen, dass nicht alles ein Kraftakt ist, denn zwischendurch sollen Dinge auch passieren können, so, dass sie einen leeren Raum finden können, indem sie sich entfalten können.

Was ist deine größte Herausforderung als Yogalehrerin?

Ganz klar, dass ich es allen recht machen möchte. Ich spüre sehr viel und empfinde manchmal die Probleme, Ängste und Anforderungen der Schüler. Gerne würde ich bei jedem einzeln verweilen und es für jeden angenehm gestalten.

Ich liebe Harmonie und schätze eine homogene Energie ungemein. Wenn ich eine Dissonanz spüre und diese heterogene Stimmung bis zur Ende der Stunde nicht harmonisieren kann, dann fühle ich mich manchmal leer oder teilweise fragmentiert.

Zudem erlebe ich es nicht immer als leicht, den Menschen meine Ansicht der Dinge zuzumuten. Ich habe eine klare Meinung wenn es um Gefühle und um die philosophischen Aspekte im Yoga und Alltag geht, diese teile ich, denn sie gehören zum Yoga wie die Asanas. Vielleicht spüre ich manchmal auch einfach sehr stark, dass wir in einer sehr säkularen Gesellschaft leben.

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Wie würdest du die Yoga-Szene in der Schweiz beschreiben?

Ich würde diese als sehr klassisch, traditionell Hatha-orientiert beschreiben. Wir haben keine aufmüpfigen Studios, keine zu bunten Kanarienvögel und auch keine tendenziösen Stile wie etwa Jivamukti, Forrest, Katonah oder auch wenig Kundalini Studios, respektive Klassen.

Wie die Schweizer selbst, sind auch die Schweizer Yogis, dazu zähle ich mich im übrigen auch, sehr diskret, klar und dezent, wenn nicht gerecht. Viele orientieren sich an den Senior Teachers, die in Zürich leben. Dennoch sehe ich, dass viele Lehrer ihre Ausbildungen im Ausland bei bekannten Lehrern absolvieren und sie infolge dessen diese Stile ganz diskret wieder in ihren Unterrichtsstil einfliessen lassen.

Vielleicht sind die jüngeren Lehrer, die nun heranwachsen, etwas wilder und experimentierfreudiger und weichen etwas von den klassischen Traditionen ab, trauen sich Stile zu mischen. Ich persönlich schätze ein klassisches Fundament zu haben und alles, was später kommt kann sehr bereichernd sein. Mein Lehrer pflegte immer zu sagen: first you learn to play classical music, then you can play jazz.

Du hast orientalische Wurzeln und lebst in Zürich. Da prallen bestimmt manchmal Welten aufeinander, oder?

Oh ja. Ich habe mir dies lange ausgeredet, wollte wie die anderen sein. Oft war ich erstaunt, als man mich fragte, woher ich komme. Ich glaubte gleich auszusehen wie die anderen, einfach nur in dunkler. Bei uns zu Hause gab es immer sehr wilde Kochkreationen und bei meinen Freunden zu Hause gab es Spätzli und Bratwurst. Lange Zeit wünschte ich mir, wie die anderen zu sein.

Ich wuchs mit sehr viel Liebe und Herzlichkeit auf und diese Gefühlsbetontheit war hier manchmal zu viel, immer noch. Daher rührte auch mein tiefer Wunsch, mich überall anpassen zu können. Heute habe ich dieses Thema vermehrt aufgearbeitet und bin derweil im Prozess zu verstehen, dass ich anders bin und dass dies auch ganz in Ordnung ist. Ich sehe mich heute vermehrt als Brückenschlagerin, ich glaube meine Aufgabe liegt auch im Vermitteln und Verbinden von Traditionellem und Kontemporärem.

Was ist der beste Rat, den du je erhalten hast?

Ganz ehrlich? Von meinem Onkel: Werde nie mittelmäßig. Damit meinte er, dass ich eigenartig bleiben darf. Jeder darf seinem Inneren einen Ausdruck schenken. Mittelmäßigkeit ist Angepasstheit, das meinte er.

Was bringt dich auf die Palme?

Abgestandener Rauch, Anteilnahmslosigkeit, Käse, zusammenhangslose Instagram-Rumi- Weisheiten zur Selbstdarstellung und sehr laute, ignorante Menschen.

Du hast in Zürich ein eigenes Health Food Geschäft geführt, was bedeutet Ernährung für dich?

Ernährung ist mir wichtig. Ich liebe es zu kochen, ich erlebe dadurch eine enorme Kreativität, die ich ausleben kann. Da ich schon immer sehr gesund gekocht habe und seit meiner Kindheit eigentlich Milchprodukte, sowie Eier nicht mochte, entschied ich mich mehrheitlich vegan zu leben.

Dies aber nicht aus dogmatischen Gründen, sondern weil ich mich so ernähren wollte, wie es mir mein Körper seit jeher erklärte. Seit ich einen Hund habe, kann ich in jedem Lebewesen die Seele noch besser sehen, daher verstehe ich nicht, wie man unbekümmert Fleischverzehr propagieren kann. Ich verzichte auf raffinierte Produkte und versuche, so naturbelassen wie es nur geht zu kochen. Dies mit viel Gewürzen, Kräutern und Einflüssen aus dem Orient und Asien.

Wie entwickelst du Rezepte?

Meistens sehe ein Lebensmittel oder lese ein Rezept, wodurch ich inspiriert werde. Ich denke mich dann ziemlich schnell durch ein mögliches Rezept hindurch. Das heisst, ich baue Komponenten auf, die zusammenpassen. Ich sehe dann, was dazu passt und kreiere so lange, bis es harmonisch ist.

Zuerst im Kopf, dann praktisch. Meistens spiele ich mit den Geschmacksrichtungen von bitter, süss, mild, sauer, salzig, herb, scharf. Ich versuche gesunde Getreide, mit gesunden Proteinen und viel Gemüse in Verbindung zu bringen, Textur und Konsistenz sind mir ebenso wichtig. Die Farben sind mir noch wichtiger, ich mag keine Ton in Ton Geschichten, weder geschmacklich noch optisch. Ich bin sehr ästhetisch und da lege ich auch grossen Wert drauf. Ja und oft verändere ich dann im Verlaufe der Saisons und Zeit Teilaspekte des Gerichts.

Wen würdest du furchtbar gern treffen? Warum?

Darf es auch jemand sein, den man noch einmal gerne sehen würde? Dann wäre dies meine Oma. Ich würde sie gerne noch ein paar Dinge fragen, ihr meinen Freund und meinen Hund vorstellen.

Gern auch Yottam Ottolenghi. Er hat meinen Kochstil enorm inspiriert und zudem würde ich gerne wissen, wodurch er seine Inspiration findet.

Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Ich sehe mich in einer Rolle, in der ich Wissen teile. Wissen übers Yoga, Essen, Philosophie, Öle, Lebensthemen, vielleicht sogar Musik. Dies soll nicht heißen, dass ich die großen Fragen des Lebens beantworten kann, ganz im Gegenteil; meine unermüdliche Suche nach Antworten regt mich zu all dem an, was ich in meinem Leben tue und mit dem ich meine Zeit verbringe.

Ich teile einfach unglaublich gerne alles, was mir hilft und versuche dies so zugänglich wie möglich zu gestalten, damit jeder einen Zugang dazu finden kann.

Wünschenswert wäre dies in einem eigenen Raum zu tun, so dass ich nicht mehr überall zugleich sein muss, sondern an einem Ort, gebündelt eben.

Ätherische Öle spielen in deinem Leben auch eine große Rolle. Wie integrierst du sie in deinen Alltag?

Ja, eine sehr grosse. Ich integriere sie sehr natürlich. Fast alle Öle, die ich verwende, sind von doTERRA, ausser das Rosenöl, dieses stellt mein Onkel her. Ich pflege mein Gesicht ausschliesslich mit Produkten, die mitunter aus ätherischen Ölen bestehen. Meine Augen mit einem eigenen Roll on aus Rose, Myrrhe, Weihrauch, Helychrisum, Lavendel. Unreinheiten werden mit Melaleuca behoben und Schnitte mit Weihrauch. Ich verwende meinen Diffuser jeden Tag und mische tolle Blends, gerade habe ich Ylang Ylang mit Spearmint für mich entdeckt.

Ich trage meine Öle immer mit mir herum, und nutze sie je nach Gefühlslage, Körperempfinden und Lust. Hope ist mein to-go Blend aus Bergamotte, Ylang Ylang, Weihrauch und Vanille. Neroli erinnert mich an die Türkei. Balance, ein Blend aus Howood, Spruce, Frankincense ist mein Schattenöl, da kehre ich immer wieder hin zurück.

Für meine Schüler habe ich meist ein Öl dabei, das sich dem Thema des Yoga gerade anpasst. Bei Muskelschmerzen verwende ich Deep Blue Rub und wenn ich Bauchschmerzen habe, was selten vorkommt, Digest Zen. Ja, und zum Kochen verwende ich manchmal Ingwer, Limette und  Zitrone. So gibt es tausend Momente, in denen ich ganz selbstverständlich zu ätherischen Ölen greife und dafür bin ich wirklich sehr dankbar.

Welches Buch hat dich in letzter Zeit nachhaltig berührt?

The Other Shore* von Thich Nhat Hanh.

Aylin Karadayi gibt Yogakurse, Workshops und Kochkurse in Zürich.

Mehr über Aylin Karadayi

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© © Manual Rickenbacher, Ariane Pochon, Géraldine Leblanc

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Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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