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Interview // Naomi Bubis über Yoga, Essen & Leben in Tel Aviv

7. März 2018
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Sicherlich ist euch schon meine Liebe zu Tel Aviv aufgefallen. Ich fühle mich dort einfach sehr wohl. Das habe ich auch meiner Freundin Naomi Bubis zu verdanken, die mir jeden Fleck der Stadt gezeigt hat.

Seit 1997 lebt Naomi in Tel Aviv. Bevor Naomi damals ihre Sachen packte und nach Tel Aviv auswanderte, schrieb sie als Journalistin in Frankfurt für Lokalblätter, arbeitete beim Hessischen Rundfunk und entdeckte das TV-Medium für sich. Zusammen mit ihrer Co-Autorin Sharon Mehler drehte sie Fernsehdokumentationen.

Ihre Dokumentation „Die zerbombte Hoffnung“ über den palästinensischen Selbstmordattentäter, der sich 1996 in Tel Aviv am Dizengoffzentrum in die Luft sprengte und 13 Israelis mit in den Tod riss, hat sie nachhaltig geprägt. Bei den Filmrecherchearbeiten wurde ihr wieder klar, dass Tel Aviv ihre Stadt ist und sie dort leben möchte.

Naomi arbeitete jahrelang als Auslandskorrespondentin für das Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung. Dann kam die Lust auf Neues, und sie studierte zwei Jahre integrative Medizin. Seitdem ernährt sie sich pflanzenbasiert. Sie lebt mit ihren drei Kindern und ihrem Hund im alten Norden von Tel Aviv. Auf ihrem Blog telavivnotes gibt sie einen tollen Einblick in die vielen Facetten der Stadt.

Letzten Herbst eröffnete sie mit Udi Sahar, auch bekannt als Urban Shaman, ein wundervolles Café, als Pop up Projekt. Es lief bombastisch, sodass die beiden entschieden, ein längeres Projekt daraus zu machen. Ab April/Mai werden die neuen Räumlichkeiten des Urban Shaman bezogen, ich hörte, dass es sogar eine Art Spa Bereich geben wird. Ich bin mir sicher, dass es der neue Hotspot von Tel Aviv wird. Wenn es soweit ist, werde ich natürlich die Adresse und alles hier ergänzen.

Naomi, du lebst seit über 20 Jahren in Tel Aviv. Wie kam es dazu?

Ich wollte schon immer in Tel Aviv wohnen und war mir sicher, dass ich hier landen würde. Ich wusste bloß nicht wann. Ich habe während meiner Kindheit und Jugend meistens die Sommerferien in Tel Aviv verbracht. Ich mochte den Vibe der Stadt schon immer. Die Entscheidung traf ich dann von heute auf morgen, so wie ich bin, ganz spontan.

Ich drehte eine Dokumentation für das Deutsche Fernsehen in Tel Aviv und fand es als Journalistin total interessant. Es war natürlich eine ganz andere Erfahrung, plötzlich in Tel Aviv zu arbeiten und nicht nur für die Ferien zu kommen. Als ich zurück in Deutschland war, habe ich meine Siebensachen gepackt. Ich wollte ausprobieren, in Tel Aviv zu leben. Das war 1997 und ich bin immer noch hier.

Viele haben Sorge, nach Tel Aviv zu reisen. Wie würdest du die allgemeine Sicherheitslage in Tel Aviv beschreiben?

Da momentan die ganze Welt unsicher erscheint, fühle ich mich in Tel Aviv viel sicherer als irgendwo sonst. Ich bin auch öfters in Europa oder anderswo im Ausland, doch in Tel Aviv fühle ich mich wohler. Die Israelis haben eine lange Vergangenheit mit Sicherheitsproblemen und können damit einfach besser umgehen. Die ganze Welt ist heute eine Zielscheibe des Terrors, da finde ich Tel Aviv zum Leben sehr angenehm.

Was ist für dich das Besondere an Tel Aviv?

Die Menschen würde ich sagen. Das Lebensgefühl. Es wird nicht so viel geplant, viel mehr im Moment gelebt, was sicherlich auch mit der ellenlangen Terrorgeschichte zu tun hat. Wir sind es einfach gewohnt. Die Spontanität gefällt mir, die Herzlichkeit. Ich liebe es, unheimlich schnell mit Leuten in Kontakt zu kommen. Tel Avivis sind sehr kommunikativ und offen, das gefällt mir total. Sehr südländisch.

Um Tel Aviv zu verstehen muss man hier essen. Essen spielt eine große Rolle hier. Israel ist ein sehr emotionales Land, das liegt mir, weil ich sehr nach meinem Herzen lebe und nicht so nach meinem Kopf, deswegen fühle ich mich hier wohl.

Das Leben findet eher draußen statt. Kinder haben eine unheimliche Freiheit hier aufzuwachsen, sind viel an der frischen Luft. Außerdem fühlt man sich in Tel Aviv auch nie allein. Man findet flink Anschluss. Tel Aviv umarmt einen.

Lass uns beim Essen bleiben. Was würdest du Besuchern als erstes empfehlen?

In Tel Aviv gibt es das beste Essen der Welt. Alles ist frisch, saisonal mit unheimlich viel Gemüse. Natürlich sollte man Hummus ausprobieren. Veganer haben hier unendliche Optionen. Man muss sich schon sehr dumm anstellen, um in Tel Aviv kein gutes Essen zu bekommen. Jedes kleine Café hat eine super Auswahl. Alles ist frisch. Überall sind Obst- oder Saftstände, an denen du dir einen frischen Saft pressen lassen kannst. Es ist eigentlich egal, wo du dich reinsetzt, du wirst auf jeden Fall großartiges Essen bekommen.

Welche Lokalitäten kannst du empfehlen?

Das Bucke Café, das ist sozusagen mein Wohnzimmer, es ist gleich bei mir um die Ecke. Wenn ich richtig essen gehe, mag ich das Zakaim sehr gern (leider jetzt geschlossen!), das war das erste vegane Restaurant in Tel Aviv. Dort ist die Stimmung immer super. Dann mag ich die Läden von Eyal Shani sehr gern. Da kann man super essen.

Wie würdest du die Yoga Szene in Tel Aviv beschreiben?

Ich habe das Gefühl die ganze Stadt macht Yoga. Jeder trägt eine Matte unter dem Arm, auf dem Rücken oder im Fahrradkorb. Es gibt keine Yogazentren, die gehypt werden oder besonders schön sind. Alles ist sehr basic, wie in Indien. Viele Israelis fahren auch gern nach Indien. Es ist eine sehr aktive Yogaszene.

Neulich war der internationale Yogatag und es gab ein Event mitten in der Stadt, das alle auf die Yogamatte gebracht hat. Alle Altersgruppen sind vertreten. Es ist sehr heterogen. Es macht sehr viel Spaß, hier Yoga zu machen. Alles ist sehr unprätentiös. Man muss überhaupt nicht gut sein oder eine tolle Hose anhaben, das mag ich sehr.

Was ist dein liebstes Yogastudio in Tel Aviv?

Ich gehe immer ins Ella Yoga, weil es am Strand liegt. Ich liebe es, nach der Yogastunde auf das Meer zu schauen und die frische Luft zu atmen. Sie sind im Ella Yoga sehr kulant. Außerdem haben sie einen riesigen Stundenplan, man kann jederzeit zum Yoga gehen – und die Lehrer sind auch großartig. Auch hier gibt es alle Alterstufen.

Wann ist die beste Zeit, um nach Tel Aviv zu reisen?

Ich sag es mal andersherum. Die schlechteste Zeit, um nach Tel Aviv zu reisen ist Juli, August, September, weil es einfach zu heiß ist. Wer die Hitze mag, ist hier gut bedient. Die Touristen mögen das ja ganz gern. Die Luftfeuchtigkeit ist im Sommer extrem hoch, das raubt mir immer sehr viel Energie.

Ich finde den Frühling und den Winter super. Wenn es in Europa richtig kalt ist, haben wir immer noch 22 Grad. Bis Dezember ist es angenehm. Im Januar und Februar regnet es meistens. Auch der Herbst ist wunderbar, das Meer ist dann noch so schön warm.

Wo kann man als Tourist in der Stadt am besten wohnen?

Im Rückenwind der Hotels wohnt es sich ganz gut, weil es sehr zentral ist und man ruckzuck zum Strand kommt. Rund um Gordon, Dizengoff und den ganzen kleinen Straßen, ist es ganz angenehm. Alles um den Rothschild Boulevard, allerdings ist es dort nicht ganz billig. Dort findet man die alten Bauhäuser, den alten Stadtkern. Für ganz junge Leute würde ich Florentin empfehlen, da ist auch nachts viel los. Wer mit Familie kommt, wohnt ganz gut im alten Norden. Hier ist es ein bisschen entspannter und man ist schnell am Strand.

Verrätst du uns deine fünf Hotspots in Tel Aviv?

  1. Ich liebe den HaYarkon Park, das ist der Central Park von Tel Aviv. Da ich ganz in der Nähe wohne, bin ich häufig dort. Viele Leute machen im Park tagsüber Sport, es ist immer eine schöne Stimmung.
  2. Das Meer. Der ganze Strandbereich um Gordon, Frishman und Mezizim mag ich sehr.
  3. Die Rothschild mit den ganzen Alleen, den Kiosken, wo man Kaffee trinken kann, das ist schon sehr Tel Aviv, mehr geht nicht.
  4. Ich mag den Flohmarkt in Yaffo, der wurde komplett renoviert, da gibt es in den Seitenstraßen total schöne Cafés, dort kann man schön rumwuseln, wenn man will.
  5. Der Stadtteil Neve Tzedek. Das ist etwas ganz anderes, völlig unerwartet in Tel Aviv. Es kommt wie ein französisches Dorf daher. Es hat einen ganz eigenen Charme.

Was sollte man unbedingt in Tel Aviv zuerst erleben?

Den Freitagvormittag, da ist die ganze Stadt auf der Straße. Es wird gefeiert und plötzlich wird sekundenschnell alles komplett leer. Dann wird der jüdische Ruhetag eingeleitet. Das ist ganz zauberhaft. Außerdem finde ich, dass man sich recht zügig nach der Ankunft ein E-Bike leihen sollte, um die Stadt zu erkunden. Auch zu Fuß ist alles gut erreichbar. Nichts planen, einfach draufloslaufen.

Du schreibst auf deinem Blog telavivnotes über Tel Aviv, wie holst du dir Inspiration?

Ich bin viel draußen. Meistens mache ich einen Vormittag frei, schnappe mir mein E-Bike und düse durch die Gegend. Da Tel Aviv sehr schnelllebig ist, entdecke ich auf jeder Tour etwas Neues für meinen Blog. Ich lese sehr viel und suche nach inspirierenden Persönlichkeiten. Ich schaue nach Leuten, die diese Stadt zu dem machen, was sie ist. Außerdem bin ich sehr neugierig.

Was können sich die Deutschen von den Tel Avivis abgucken?

Die Lässigkeit, Unkompliziertheit, Spontanität, offenes Haus, das Leben genießen, ohne sich zu viele Gedanken zu machen. Davon könnten sie sich ein Stück abschneiden.

Diese Woche eröffnet Naomi das Urban Shaman in Tel Aviv, unbedingt vorbeischauen. Dizengoff 210!

Danke, Naomi!

 

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Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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