Kolumne

Madhavi & das Leben // Ich schaue ab jetzt respektvoller hin

5. April 2019
madhavi-guemoes

Ich habe heute ausgesprochen gute Laune. Der Frühling ist in Berlin eingekehrt. Gefühlt scheint sich das ganze Leben wieder auf den Straßen abzuspielen, oh, wie ich das liebe. 

Berlin ist einfach eine unglaublich dufte Stadt. Vor allem im Frühling. Außerdem ist heute mein Geburtstag. 43. Knapp vor 50. Nun gut, nicht ganz.

Gestern musste ich ein Formular ausfüllen, in dem ich nach meiner Postleitzahl gefragt wurde. Wisst ihr was? Ich wusste sie nicht. Ich war völlig niedergeschlagen.

Meine Birne wollte sie einfach nicht abrufen. Generell könnte ich meine Postleitzahl im Schlaf rückwärts beten, ist ja nicht so schwer. Nein, sie fiel mir nicht ein. Entsetzliches Gefühl. Meine liebe Freundin Anna meinte dann, ich sollte doch mal wieder ein bisschen weniger arbeiten…..es könnte daran liegen, dass ich einfach non-stop kreiere….vielleicht.

Unscharf

Dann meine Augen. Bisher hatte ich eine außergewöhnliche Sehkraft, fast schon wie eine Libelle. Und nun? Blind wie ein Maulwurf. Frage ich meinen Mann, warum die Fotos, die ich knipse, in letzter Zeit immer so unscharf werden, antwortet er mir, wieso, die sind doch knallscharf.

Ich wehre mich bisher noch gegen eine Brille, oder so komische Dinger, die man sich auf die Augen klebt. Ich habe die leise Hoffnung, dass alles wieder wird wie früher.

Kennt ihr das, wenn die älteren Herrschaften von Wehwehchen klagen, von  Alterserscheinungen? Gut, ich zähle mich ab heute auch dazu. Ich gebe es ungern zu.

Wobei eine Brille ja nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun haben muss, aber bei mir scheint es eine absolute Abnutzungserscheinung zu sein. Wir steuern halt jeden Tag auf den Tod zu, entschuldigt für den kleinen Realitätscheck.

Vor ein paar Tagen habe ich sogar die Schrift auf meinem Mobiltelefon größer gestellt. Dick und groß ist sie jetzt. Jetzt kann ich alles wieder entspannt lesen.

Ist ja nicht so, dass ich mir nicht helfen kann. Ich werde mich schon arrangieren. Eine Lupe habe ich mir vorsichtshalber schon mal bestellt.

Meine Intention für April

Gute Laune habe ich gerade nicht nur, weil Frühling ist, und ich Geburstag habe. Ich glaube, ich bin seit meiner Entscheidung, die ich vor zwei Wochen gefällt habe, ein besserer Mensch. So ein richtig guter, fast ekelhaft guter Mensch. Luft nach oben gibt es ja bekanntlich immer. Bei mir sowieso. Aber von vorn.

Auf meinem Flug in die USA vorletzte Woche saß neben mir ein Herr, der mir in den ersten 30 Minuten nicht unbedingt sympathisch erschien, im Gegenteil.

Doch die ganze Sache nahm einen ganz anderen Lauf, als wir anfingen, uns zu unterhalten. 

Nach vier Stunden kannte ich seine ganze Lebensgeschichte und war der Meinung, ich könnte darüber einen fantastischen Roman verfassen, und ihn mit Star-Besetzung verfilmen lassen.

Die ganze Geschichte könnt ihr in meiner neuen Podcast-Folge hören. Vorsicht, was ihr mir erzählt, wenn wir im Flieger mal zufälligerweise nebeneinander sitzen.

Vieles ist oft nicht wie es scheint. Wir stopfen Menschen in eine Box, Klappe zu und dann wird daran nicht mehr gerüttelt.

Wir haben alle unsere Geschichten, hin und wieder verstecken wir sie hinter einer Fassade, die vielleicht nicht sehr angenehm ist.

Auch erlauben wir anderen oft nicht, sich zu verändern, denn es ist ungemütlich, wenn alles anders wird. Wir mögen es beharrlich. So langweilig.

Ich werde mich bessern

Ich habe mir für April fest vorgenommen, Menschen nicht sofort in eine Box zu verfrachten , wenn mir ihre Visage oder Verhalten nicht in den Kram passt. Wie in der U-Bahn gestern.

Neben mir saß ein mies gelaunter Mann (mal wieder), seine Mundwinkel hingen bis zu den Kniekehlen. Eine Abneigung gegen ihn machte sich energetisch in mir breit und dann erinnerte ich mich, dass ich mehr Mitgefühl entwickeln möchte (hatte ich ja auf dem Flug beschlossen), gerade für Menschen, die mir die Knöpfe drücken.

Ich stellte mir einfach vor, dass er sicherlich gerade eine schwere Zeit durchmacht und es nicht leicht hat. Vielleicht ist ja auch gerade seine Frau verstorben. 

Hach, wie ich mitten in der Bahn anfing zu lächeln und mein Herz für ihn weit öffnete. Ich war kurz davor, ihn in meine Arme zu schließen, so viel Liebe durchströmte mich. Keine Sorge, ich drehe jetzt nicht durch.

Wenn ich das im April schaffe, dann vielleicht im Mai auch und bin irgendwann nicht mehr zu bremsen.

Vielleicht habt ihr ja Lust, auch mehr darauf zu achten. Ein wenig mehr Mitgefühl, mehr Toleranz, mehr Weite im Herzen. Das sagt sich so unheimlich leicht, und wir alle kennen diese Worte so gut, doch an der Umsetzung hapert es oft. 

Ich spüre, dass ich schon ein klein bisschen weniger genervt bin, wenn ich diese Dinge in meinen Alltag integriere. Natürlich geht das nur häppchenweise, wir wollen ja nicht gleich übertreiben. 

Ich gehöre generell zu den Menschen, die innerlich austicken, wenn jemand nicht so flink um die Ecke denken kann, oder nicht versteht, was ich meine. Das ist meine Widder Natur.

Diesen Monat werde ich milde lächeln und noch viel wichtiger, es auch so meinen. Ich versetze mich ab jetzt ganz satt in andere Menschen und schaue respektvoller hin. 

Habt einen fantastischen Tag, und vergesst nicht, in meine neue Podcast-Folge zu lauschen, damit ihr die ganze Geschichte erfahrt.

Eure Madhavi

© Maria Schiffer

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Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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