Column

Madhavi & das Leben // Kein WLAN ist das neue Schwarz

24. September 2018
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Ich habe einen 11-stündigen Flug von Amsterdam nach Los Angeles vor mir und bin wild entschlossen, die Zeit zu nutzen, um emsig und effektiv zu arbeiten. Online.

Mir wurde WLAN an Board versprochen, weshalb ich auch kein Buch oder sonstige Ablenkung mitgenommen habe. Ich habe unheimlich viele Ideen, die in die Tat umgesetzt werden müssen und mein Job ist nun mal online.

Meine Pläne werden aber rasch vernichtet, als ich in meinen knallharten Sitz der winzigen Maschine sinke. WLAN? Gibt es nicht. Die Flugbegleiterin mit abgeknabberten Nägeln lacht mich offensichtlich aus.

Mein Kopf braucht kurz, um umzuschalten. Soll wohl nicht sein. Tut vielleicht auch gut. Ich tue so, als wäre ich mega flexibel.

In Los Angeles angekommen düse ich zum Ra Ma Institute, das ist das Yogastudio meiner Lehrerin Guru Jagat. Auch dort werde ich leicht verstört angeschaut, als ich nach WLAN frage. Nein, Menschen sollen sich hier unterhalten.

Gut, da hat sie ja recht, die Dame an der Rezeption. Nur ist hier gerade niemand, mit dem ich ein Pläuschchen halten könnte……Ich nehme mir ein Buch aus dem Regal, das ich dann auch gleich kaufe, wer weiß, wie lange das Theater ohne WLAN noch weitergeht.

Ohne WLAN ist das Leben so viel leiser oder „The struggle is real“

Nach meiner Yogastunde mit der wunderbaren Tej fahre ich nach South Pasadena zu meiner Freundin Linda. Ein Taxi ohne Internet zu bekommen ist schon eine große Kunst.

Ich stürme schwer bepackt die Treppen zu ihrer Wohnung hoch, in riesiger Vorfreude auf Internet. Ich möchte meine Kinder und Mann per WhatsApp sprechen und schauen, ob die Welt noch steht. Pustekuchen.

„Ich habe kein WLAN, ohne ist mein Leben so viel entspannter“, sagt meine Freundin. Kurz denke ich, dass sie mich veräppeln möchte. Ernsthaft?

Am nächsten Morgen packen wir das Auto, wir wollen in die Berge zum Kundalini Yoga Retreat mit Guru Jagat. Ich denke kurz daran, wie ich das hier alles manifestiert habe. Ein paar Tage absolute Ruhe wollte ich mir in den Bergen gönnen. Doch an WLAN-Abstinenz kann ich mich in meinen Gedanken nicht erinnern.

Angekommen im Niemandsland traue ich mich nicht zu fragen, ob es WLAN gibt. Linda übernimmt das für mich und das Ergebnis ist desaströs. Es gibt so viel zu tun, ich muss mich um so vieles online kümmern, ich kann doch nicht nur über die Bergspitzen meditieren…..

Kein WLAN ist das neue BLACK

Die Stille tut mir gut und die Internet Auszeit auch. Ich gehöre ja eher zu den Menschen, die freiwillig entscheiden möchten, ob sie im Internet surfen möchten oder nicht. Wenn man mir das einfach so wegnimmt, ohne Kontakt zu meiner Familie halten zu können, fühle ich mich, als hätte man mir einen Arm amputiert. Gut, das ist vielleicht leicht übertrieben. Überall auf der Welt gibt es Internet. Aber nicht in Los Angeles.

Zwischendurch muss ich mich telefonisch bei meinem Bankberater melden, denn ich vermisse meine bestellte Kreditkarte, die vor meiner Reise nicht angekommen ist. Ohne Internet eine kostspielige Angelegenheit.

Der erzählt mir, dass meine Kreditkarte auf dem Weg zu mir offensichtlich geklaut wurde und 5.000 Euro in bar abgehoben wurden. Mich erschüttert nichts mehr in den Bergen, dank Kundalini Yoga.

Diese bekloppte Abhängigkeit

Zurück in Los Angeles verspricht mir Linda ein Café mit, ja genau, WLAN. Zufällig gibt es dort genau heute technische Probleme und keinen Internetzugang. Da ich weiß, dass es bei Linda auch kein Internet geben wird, und ich wahrscheinlich erst wieder in Salt Lake City fließendes Internet haben werde, bin ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Zum Glück habe ich meine ätherischen Öle in der Tasche und kann mich selbst besänftigen.

Linda kann sich vor Lachen nicht halten und erzählt jedem meine Geschichte. Der gleiche Kram geht in Salt Lake City weiter, ich bin dort für die dōTERRA Convention. Ich fühle mich wie in einem dritte Welt Land. Ich bin mir mehr als sicher, dass die mehr Glück haben mit dem Internet.

Fazit: Kann man mal machen muss man aber nicht

Ich habe es überlebt. Aber auch gemerkt, dass ich sehr verwöhnt bin, was freies, fließendes Internet angeht. Die Amerikaner zahlen unheimlich viel Geld für WLAN, weshalb sich auch manche dagegen entscheiden. In der spirituellen Szene feiern sie sich als WLAN-freies Volk und sind die neuen Superyogis. Der neue Trend?

Für einen klitzekleinen Moment habe ich auch darüber nachgedacht, mein WLAN im Haus zu kündigen, was für ein freies Gefühl, nichts mehr mitzubekommen, diesen Gedanken aber flink wieder verworfen.

Ich liebe es einfach, online unterwegs zu sein, meine Yogastunden online zu machen, zu lernen und Kontakt zu halten. WLAN-frei kann ich auch noch sein, wenn ich tot bin, denn dann kratzt es mich nicht mehr die Bohne.

#staytrue

Madhavi

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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