Column

Madhavi & das Leben // Über Narben und andere Unsicherheiten

10. Juli 2018
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Ich packe meinen Koffer aus und finde meinen Tankini nicht. Für alle, die nicht wissen, was ein Tankini ist: das ist eine Kreuzung aus Bikini und Badeanzug. Das Wichtige daran: Der Stoff verhüllt hübsch meinen Bauch.

Seit Jahren trage ich Tankinis oder zwänge mich in Badeanzüge, in denen ich total bekloppt aussehe. Das mache ich aus purer Unsicherheit, denn wer hüllt sich schon freiwillig gern in mehr Stoff als nötig bei gefühlten 40 Grad in Israel. Ich nicht.

Die Unsicherheit habe ich nicht, weil ich denke, dass ich eine zu dicke Wampe für einen stinknormalen Bikini habe. Ne. Eine Hundertschaft Narben ziert meinen Bauch. Meine Narben, inklusive eines ramponierten Bauchnabels, den ein junger Arzt verpfuscht hat, kommen von einer wirklichen Dummheit aus meiner Jugend: Bauchnabel-Piercing.

Solltet ihr Kinder haben, haltet sie unbedingt davon ab, so bescheuert zu sein wie ich. Es kann komplett in die Hose gehen.

Mein ganzer Bauchraum entzündete sich stark nach dem Bauchnabel-Piercing. Natürlich nahm ich das Piercing damals flink wieder raus. Doch es half nichts.

Es folgten mehrere Nabelbrüche, jahrelange, unerträgliche Schmerzen, viele Operationen. Das Ergebnis: neun Narben kreuz und quer über meinen Bauch verteilt. Dazu eine Narbenbildung, bei der ich persönlich wirklich enttäuscht bin, dass mein Körper das nicht besser hinbekommt. Es sind eher Landebahnen als zarte Striche.

Die liebe Scham

Als ich noch in einer dieser Osho Wohngemeinschaften wohnte, in der zu jeder Tageszeit wild rumgevögelt wurde (ich natürlich nicht, ist ja klar ) und die Badezimmertür immer sperrangelweit aufstand (ich hasse das!), man quasi null Privatsphäre hatte, stand plötzlich eine Mitbewohnerin im Bad neben mir.

Ich kam gerade aus der Dusche und trocknete mich ab. Sie schrie entsetzt „Oh mein Gott“. Ich wusste erst nicht, worum es ging, schnallte aber schnell, dass sie meinen Bauch meinte. Sie sammelte sich schnell wieder und entschuldigte sich.

Ab diesen Moment durfte niemand mehr meinen Bauch sehen, außer mein Freund und meine damals beste Freundin. Diese mäkelte eines Tages an ihrem wunderschönen Bauch herum. Ich wurde böse und meinte zu ihr: „Dein Bauch ist makellos, was soll das? Was würdest du machen, wenn du so einen Bauch hättest wie ich?“ Natürlich wollte ich keine Antwort hören, ihr nur vermitteln, dass sie mit diesem Quatsch aufhören soll.

Wie aus der Pistole geschossen erwiderte sie: „Ich würde mich umbringen.“ Ich war geschockt und sprachlos. Ihr Satz brannte sich so stark in mein Unterbewusstsein, ich war ja noch jung, dass ich mich jahrelang für meinen ramponierten Bauch schämte. Sie meinte es tatsächlich ernst und ließ den Satz auch so stehen.

Nun zurück zu meiner Misere mit dem vergessenen Tankini. Da ich mit meinen Kindern auch im Wasser planschen wollte, ging ich auf die Einkaufstraße in Tel Aviv, um mir etwas zum Baden zu kaufen. Um es kurz zu halten: Ich fand nur knappe Bikinis oder tantige Badeanzüge. In der Hitze hatte ich auch keine Ausdauer und dachte mir: „Scheiß drauf.“

Ich kaufte mir einen hübschen Zweiteiler, verkniff mir das Anprobieren und watschelte glücklich nach Hause. Dort probierte ich die schmalen Fetzen an und fragte mich kurz, ob ich eine Zumutung am Strand sein würde. Solche Reaktionen wie früher wollte ich mir gern ersparen. Ich beschloss, dass mir einfach alles egal ist, klemmte meine Luftmatratze unter den Arm, schnappte mir meine Kinder und ging zum Strand.

Mein Bauch ist nicht trainiert, oder sagen wir mal so, die Muskeln sind teilweise nicht mehr aktiv durch die vielen Schnitte. Mit Bauchmuskelübungen kann man mich jagen. Dazu habe ich auch noch lästige Zellulite am Bauch, insgesamt bin ich heilfroh, wenn ich mich nicht nackig zeigen muss.

Neues Lebensgefühl

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich liebe meinen Körper. Ich mag meinen Bauch. Doch finde ich es auch völlig okay zu sagen, dass ich meine Narben jetzt nicht bildschön finde. Schließlich muss man es mit der Selbstliebe auch nicht übertreiben. Aber es gibt Schlimmeres. Es gibt immer Schlimmeres!

Ich zog mein Kleid aus. Ging mutig in meinem hübschen Bikini und meinen Kindern zum Wasser. Zog den Bauch ein wenig ein und versuchte, allgemein eine sehr, sehr aufrechte Haltung einzunehmen. Und lachte über mich selbst.

Fazit: Nach acht Tagen Strand im Bikini (ich habe mir mittlerweile einen zweiten zugelegt) frage ich mich, warum ich mich jahrelang versteckt, und mich von meiner Unsicherheit dominieren lassen habe. Niemand, wirklich niemand guckt auf meinen Bauch, warum auch. Wenn ich jemanden mit Narben sehe, stelle ich mir dazu eine spannende Geschichte vor, abstossend finde ich es nie, egal, wie wild die Narben ausschauen.

Ich fühle mich befreit und endlich bekommt auch mein Bauch wieder ein bisschen Farbe. Herrlich!

#staytrue

Madhavi

© Maria Schiffer

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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