Column

Madhavi & das Leben // Und plötzlich ist es zu spät

17. November 2018
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Ich sitze in der Berliner U-Bahn. Sie müffelt wie immer nach abgestandenem Rauch und kaltem Schweiß. Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, weshalb ich auch immer eine Flasche Pfefferminzöl in meiner Tasche habe. Das verreibe ich mir emsig zwischen meinen Handflächen und versuche, somit die Fahrt halbwegs zu überleben. 

Gegenüber sitzt mir ein etwa 11-jähriger Junge, der gerade mit einer Horde Schulkindern den Zug in Beschlag nimmt. Er ist anders als die anderen Jungs, er wirkt ausgeglichener. Er trägt brandneue Turnschuhe aus Wildleder, die mich vor Sauberkeit fast blenden. Bis auf einen kleinen Fleck.

Den bemerkt der Junge auch und wird plötzlich ganz nervös. Er gibt ein wenig Spucke auf seinen Zeigefinger, beugt sich nach vorn und reibt mit dem feuchten Finger den Fleck weg, der wohl im Gerangel um die Plätze entstanden ist.

Ein Sommer in Gummistiefeln

Ich muss schmunzeln, denn diese Szene erinnert mich direkt an einen Sommer bei meiner Großmutter auf dem Dorf, als ich selbst noch ein Schulkind war. Ich bekam meine lang ersehnten blauen Turnschuhe geschenkt und brachte es nicht übers Herz, die Schuhe zu tragen. Ich schob akute Panik, dass sie an ihrer Jungfräulichkeit verlieren könnten, wenn ich meine Käsefüße dort hineinquetsche.

Ich lief also, sehr zum Unmut meiner Großmutter, den knallheißen Sommer in quietschgelben Gummistiefeln herum. Ich hatte damit gar kein Problem, solange meine Turnschuhe bloß weiterhin unberührt blieben. Das zog ich eisern bis zu den nächsten Ferien durch. Als ich dann bereit war, sie endlich zu tragen, waren sie mir zu klein.

Der besondere Moment ist JETZT

Natürlich war ich sehr enttäuscht, wiederholte das aber weiterhin viele Jahre. Wenn ich ein Kleidungsstück sehr gern hatte, wurde es nur zu wirklich besonderen Anlässen getragen. Der ganz spezielle Moment wurde abgepasst, ansonsten wurde die Klamotte (oder anderes) nicht angerührt. Unnötig zu erwähnen, dass es diese Momente wirklich selten gab. Ich wartete und wartete, auf diesen einen Zeitpunkt, der gut genug war.

Zum Glück änderte sich das. Mir wurde irgendwann klar, dass das nicht wirklich sinnvoll ist. Ich hörte auf, zu warten und sprang mit voller Präsenz ins Leben hinein. Heute ist heute. Dieser Moment ist BESONDERS. Der nächste auch. Das ganze Leben ist ein Geschenk, jeder Moment sollte zelebriert werden. Wer ständig wartet, dass etwas Besseres geschieht, verpasst das Leben. Möglichkeiten werden nicht wahrgenommen, nicht erkannt, die das Leben uns immer wieder schenkt. Es ist zum Heulen.

Natürlich geht es dabei nicht um ein paar nigelnagelneue Turnschuhe. Vielmehr darum, nicht mit dem Leben zu geizen. Nicht mit Liebe, Präsenz, Dankbarkeit, Ehrlichkeit, Mitgefühl und Unterstützung. Vielleicht ist es plötzlich zu spät und der Moment verpasst.

Wenn wir uns mitteilen möchten, können wir das vielleicht jetzt direkt tun. Warum WARTEN? Auf was? Leben ist nicht perfekt und es kann plötzlich ganz flink vorbei sein. Wir sollten in die Fülle des Lebens eintauchen, und uns nicht nur mit 60% zufrieden geben.

Der Junge scheint zufrieden. Der Fleck ist bereinigt, er entspannt sich wieder. Wenn er wüsste, auf was für eine Reise in die Vergangenheit er mich gerade geschickt hat. Er lächelt mich zaghaft an, und ich nicke ihm wie eine alte, weise Dame zu und denke:“Mögen dich in Zukunft weniger Flecken aus der Ruhe bringe. Lebe!“

#staytrue

Madhavi

© Maria Schiffer

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 25 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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